Plateau Europa

(von Dr. Karin Müller- Kelwing)                                                                                                  -> zum Bild

 

Leuchtend-blau steht sie da, blass im Gesicht. Eine junge Frau, einem Kokon entsteigend. Oder hält sie diesen schutzbedürftig fest? Ist es Europa?

Ihren Blick richtet sie, ihrem ausgestreckten rechten Arm folgend, gezielt an ihrem Gegenüber vorbei.
Diese bunt schillernde, androgyne Figur steht auf einem Podest. Sie lässt die Symbole dreier Religionen fallen, richtet ihre Aufmerksamkeit auf den Zweig in ihrer linken Hand, den sie Europa entgegen hält. Ist es der Frieden verheißende, das Leben symbolisierende Ölzweig, oder der Lorbeer des Siegers? Das oberste Plateau ist erreicht, höher aufsteigen nicht möglich. Verkörpert diese Figur unser Idealbild? Welche Werte sind uns wichtig? Durchtrennen wir unsere kulturellen Wurzeln allzu willfährig, wenn wir die Religion ablegen? Wäre es an der Zeit, auf jede Dogmatik zu verzichten, uns der Naturphilosophie zuzuwenden?
Einer synoptischen Erzählung gleich begegnen sich hier mehrere Welten. Realität und Fiktion, Herz und Verstand, Frau und Mann, Macht und Ohnmacht, Individuum und Gesellschaft… Unzählige Dichotomien, sich bedingende, durchdringende, einander ergänzende und gegenseitig ausgleichende Prinzipien verbergen sich in Plateau Europa.
Europa versucht, der Phrasenhülle der verkrusteten Nationalismen zu entkommen, die von der Gesellschaft vordefinierte Rolle abzulegen. Oder verharrt sie, nackt und schutzlos, in der Depression gefangen, wie paralysiert? Würde sie sich gern neu erfinden? Die drei großen Figuren im Hintergrund konterkarieren ihre Bemühungen – als dunkle Mächte dirigieren sie Europa von oben herab. Handelt Europa selbstbestimmt, oder wird es zurückgehalten, gar instrumentalisiert?
Sind jene Kräfte, die im Schatten agieren, Sinnbilder für die Wirtschaftsmächte und Finanzmärkte, die Politik oder einzelne Länder? Messen hier die Protagonisten der Verschwörungstheorien ihre Kräfte? Zum Teil selbst kopflos entscheiden sie über andere Köpfe hinweg. Agieren sie zu Lasten Anderer, während sie auf deren Schultern stehen, oder werden sie bereitwillig gestützt? Wer trägt diese Last? Sind es die Bewohner anderer Erdteile, Migranten, oder Wesen einer Traumwelt? Stier, Minotaurus, Helm- oder Burkaträgerin? Auch der Bär im Hintergrund ist mehr Chimäre denn Naturkraft oder gefährliches Raubtier. Nichts ist wie es scheint. Gelingt es Europa, die Nationalismen abzulegen, sich von Vorurteilen und Bevormundung zu befreien? Ist Europa fähig, sich weiter zu entwickeln, neue Wege zu gehen? Bestandsanalyse oder Zukunftsvision?    

Simon Rosenthal erweist sich als Querdenker. Bewusst entzieht er sich der medialen Bilderflut, stellt sich gegen eine Kunst, die sich bereitwillig auf ihren Unterhaltungswert reduzieren lässt. Er widmet sich existentiellen Fragen. Seine Bildthemen entspringen der intellektuellen Auseinandersetzung mit unserer Zeit, entzünden sich an aktuellen gesellschaftlichen Diskursen. Er greift Mythen und Symbole auf, verwandelt sie in eigene Bildzeichen. Plateau Europa folgt nicht dem tradierten Europa-Mythos sondern reflektiert das Jetzt.

Dennoch wirken seine Gemälde wie aus der Zeit gefallen – Simon Rosenthal hat sich bewusst für die altmeisterliche Technik der Lasurmalerei entschieden, wie sie in Dresden intensiv von Otto Dix praktiziert wurde. Sie ermöglicht eine nuancenreiche, subtil abgestufte Farbigkeit.
Den bisweilen rauschhaften Akt des prozessualen Malens unterbricht er mehrfach für das prüfende Zurücktreten von der Leinwand. Dieses intuitive Erwägen kann Monate dauern. Dabei entstehende Ambivalenzen und Ambiguitäten sind gewollt. Sie bestimmen Simon Rosenthals Bilderwelt. Seine Werke enthalten inhaltliche und formale Irritationen, brechen mehrfach mit Erwartungen. Die Figuren entziehen sich der geschlechtlichen Zuordnung, als hinterfragten sie die jedem in der Gesellschaft zugewiesene Rolle. Brüche finden sich auch im Formalen. Hyperrealistisches steht unmittelbar neben Abstrahierendem. Eine räumliche und zeitliche Verortung verweigern seine Werke bewusst, sie imaginieren Überzeitlichkeit.
Plateau Europa ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Denkbild – es fordert ein aktives, dialogisches Sehen und wirft die Fragen des Betrachters auf ihn selbst zurück: Was bedeutet Europa für dich?

(Quelle: Diplomkatalog HfBK Dresden 2016)

 

 

Soldat (von Simon Rosenthal)                                                                                                       -> zum Bild

Das Bild „Soldat“ ist eine formkritische Auseinandersetzung mit dem Thema des postheroischen Zeitalters.
Zogen die Bewohner Europas noch mit wehenden Fahnen in den Ersten Weltkrieg, so taten sie es im Zweiten noch aus Kränkung und Rache.
Insbesondere die Deutschen haben nach der Zeit des Nazi-Regimes im Großen und Ganzen eine gebrochene Haltung zum Krieg und zu allem, was an nationalideologischen Implikationen in ihrem Selbstbild enthalten ist.
Alles, was irgendwie mit Pathos am Ehrgefühl rüttelt − all das, was in früheren Zeiten die Ideologie eines Soldaten betraf, ist heute angesichts der Schrecken der Naziherrschaft mit Schuld- und Schamgefühlen belegt. Doch, wie wir gerade in den letzten Jahren vermehrt vor Augen geführt bekamen, sind noch die schwelenden Reste einer Volks- und Rassenideologie vorhanden. Sie bekommen Aufwind, weil die Bildung des historischen Bewusstseins in vielen Fällen vernachlässigt wurde bzw. auch vom Individuum als störend empfunden und gerne verdrängt wird.
Trotzdem ist der größte Teil der Deutschen gegen Krieg und es ist ein zähes wie mühsames Unterfangen heutiger Politiker, kriegerische Einsätze deutscher Soldaten zu rechtfertigen bzw. durchzusetzen. Allein die Erfüllungspflichten internationaler Militärbündnisse sind als Rechtfertigungen übrig geblieben.
Ideell gibt es dafür jedoch kaum  Rückhalt aus der Bevölkerung, weil allzu offensichtlich ist, dass Soldaten lediglich Instrumente sind, um geopolitische Ziele durchzusetzen, die meist den rein wirtschaftlichen Interessen von Wenigen dienen.
Nun steht und stand der Soldat immer im Dienst von Wirtschaftsmächten − aber die Selbsterkenntnis, dass man nur ein gesichtsloser, gewaltbereiter Dienstleister im geopolitischen Spiel ist, ist dank der Informationsquelle Internet heute gegenwärtiger als je zuvor.
Postheroe sein heißt, in der Pflicht zum Kämpfen zu sein ohne jeglichen ideellen Kern.
Es gibt keine „Fahne“, kein glaubwürdiges „Vaterland“ mehr zu verteidigen.
Analog dazu stellt sich für jeden Menschen des postheroischen Zeitalters in einem völlig neuen Licht die Frage, was seine Ziele sein sollten, wonach er streben sollte, da er zu jedem Motiv im Handumdrehen die Gegenargumente vor Augen hat:
Ruhm ist bedeutungslos, Macht ist Selbsttäuschung, Geld ist unglaubwürdig geworden − und die Liebe?
Das Bild des Soldaten enthält den erläuterten Kontext als eine Aufladung in der Körperlichkeit der dargestellten Figur. Sie kommuniziert über ihr Erscheinungsbild die Zerbrechlichkeit, das Gebrochen- und Gehemmt-Sein des Kriegers unserer Tage − letztlich des Menschen im postheroischen Zeitalter.

 

 

Ursprungsalphabet (von Nora Gomringer)

Ich bin

Ariadne, die dem Faden, dem roten, wollenen folgt

Briseis, die Achilles diente

Bin

Calypso und singe für Odysseus und wünsche, dass er

mich nicht verlässt

Diana, Göttin mit dem Silberbogen, Silberpfeil, die

Mondzicke

Ich bin ein guter Maler und heiße Hitler

I am

Ferlinghetti crying over Allen

Guanin, der DNA- Bauer, der Knecht

Hadrian und baue eine Mauer mir zu Ehren, dem

Reich zur Wehr

Ich auf Freuds Couch

Jonas im Walbauch mit unendlichem Vertrauen

Bin

Kassandra, die ständig spricht, doch keiner hört

Langsamkeit, mit der ich vergesse und an die ich anschließe

Medea, die deiner Geliebten ein Kleid näht, den

Kindern die Köpfe verdreht

Ich bin

Nora, der du ein Puppenhaus baust

Ochsenfrosch, denn das ist die Liebe zwischen Frieda

und Diego

Proteus, denn ich will allen gefallen und hüte die

Robben am Strand

Ich war die Qual des Laokoon ebendort, wo die Wellen

brachen

Ich bin Rilkes Panther- Tierpfleger

Sybille, Sybilla, Cybil- who cares- I speak in riddles

Ich bin Ton aus Erde aus Sediment aus dem Adam

entstand

D-u bist der Hauch und unsinkbar

Ich bin ein Verlorenes am Wegrand, ein Stein, den einer

lange mitgetragen hat

Warten auf den Läufer aus Marathon, dem Fenchelfeld

X– Men, die Weltretter, die Ahnen der Tafelrunde

Ich bin zynisch, Baby, zynisch

Ich binz

 „Ursprungsalphabet“ von Nora Grominger, aus „Mein Gedicht fragt nicht lange reloaded“ (Voland & Quist 2015)

https://www.voland-quist.de/buch/?212/Mein+Gedicht+fragt+nicht+lange+reloaded–Nora+Gomringer